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Düsterland (4) „Ein irischer Mönch“

Düsterland (4) „Ein irischer Mönch“
 
(…) Je tiefer er ins Tal hinabsteigt, je kälter wird es. Die Umrisse der Bäume werden weicher, sein Atem wird immer deutlicher sichtbar. Es beginnt zu schneien. Einzelne Flocken taumeln auf den Boden. Wenn man stehenbleibt, hört man ein leichtes Rieseln auf dem Boden. Während er in den Wald hineinwandert, schweifen seine Gedanken ab und er versucht sich zu erinnern. Desmond hat durchaus noch Erinnerungen. Seine Amnesie hatte nur die Erinnerung der letzten Tage, vielleicht Wochen ausgelöscht. Er weiß noch, dass er sich aus Irland aufgemacht hatte, um Deutschland, genauer: die Rhön und das Frankenland zu besuchen. Er hatte eine spannende Entdeckung bei einer Ahnenforschung gemacht.
 
Sein Urururururgroßavater hatte sich im Mittelalter als Wandermönch auf in Richtung Deutschland gemacht und starb dort als berühmter Prediger einen Märtyrertod. Seine Gebeine werden im Dom in Würzburg aufbewahrt. Während der Kilians-Wallfahrtswoche wird das Haupt seines Urururururururopas immer noch durch die Stadt getragen, so wird dieser dort verehrt. Das muss man sich mal vorstellen, wenn das keine Geschichte ist! Deshalb hatte er sich um einen Schüleraustausch nach Deutschland bemüht. Er war ein Nerd durch und durch. Spielte Rollenspiele, interessierte sich für Geschichte, war Cosplayer…
 
Dass er nun selber Teil einer Geschichte werden würde, hatte er nicht erwartet. War er bei seiner Gastfamilie in Würzburg angekommen? Wussten seine Eltern, wo er war? Er weiß es nicht. Das einzige, was ihn führt, ist der seltsame Zettel, den er fein säuberlich in seine Hosentasche gesteckt hat.
 
Jäh und plötzlich wird er aus seinen Gedanken gerissen. Vor ihm stellt sich eine Szene dar, die ihm wie ein Deja-vu vorkommt. Hat er sie schon einmal geträumt? Nach Durchwanderung eines Waldstücks kommt er an eine Lichtung. Die Dämmerung ist forgeschritten. Der Boden ist bereits leicht schneebedeckt. Die knorrigen Äste der Bäume noch leicht bereift. Direkt vor ihm steht ein einsamer Baum, der teilweise abgestorben ist. Nur einzelne Äste tragen noch Zweige, die mit Nährstoffen versorgt werden. Der Rest ist schrecklich verdorrt. Einzelne bemooste Äste sind bereits auf den Boden gefallen. Eine mysteriöse, gruselige Szenerie, die er in einem Rollenspiel mit seinen Freunden gefeiert hätte. Jetzt wird es ihm allerdings leicht unwohl.
 
Und dann sieht er es: Direkt hinter dem Baum ist ein Schatten! Er ist nicht alleine und wird beobachtet. (…)

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