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Düsterland (5): „Es“

Düsterland (5): „Es“
 
Es kam mit dem Nebel. Knapp nördlich von Thann hatte er seinen Bauernhof. Er hatte ihn neu erworben und war dabei, Kontakte zu knüpfen. Auf dem Fest hatte er die blonde Brigitte kennengelernt, die ihm mehrfach am Abend zugezwinkert hatte. Doch er war nicht der typische Draufgänger, eher schüchtern. Beim nächsten Treffen wollte er sie ansprechen, das hatte er sich fest vorgenommen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen kam der Tag, an dem der Nebel kam. Der hatte alles verändert. Zunächst dachten die Menschen, es wäre eine ungewöhnliche Wetterlage. Nach einem intensiven Gewitter fielen die Wolken vom Himmel, wie ein Wasserfall. Dann blieben sie über der Landschaft hängen und verschluckten alles. Dies sah zwar seltsam aus, aber es passierte bisweilen, dass es nach einem Gewitter aus den Wäldern nebelte. Also dachten die Menschen sich nichts dabei und gingen ins Bett.
Unheimlich wurde es, als der Nebel am nächsten Morgen immer noch nicht weg war. Und auch nicht am darauf folgenden Tag. Und in der darauf folgenden Woche. Dabei wurde es kälter und lebensfeindlicher. Der Nebel veränderte die Menschen. Machte sie misstrauisch. Sie verließen ihre Häuser und ihre Grundstücke immer seltener, denn sie hatten Angst. Sie konnten nichts mehr sehen, nichts mehr erkennen. Ihr eigener Horizont verschwamm.
Die Angst ging im ganzen Land um – und aus der Angst wurde Hass. So war es auch bei ihm. Lud er früher noch jeden Fremden zu einer Tasse Kaffee ein und war ein großherziger Mensch, schloss er heute das Tor, wenn er Stimmen von der Ferne kommen hörte.
 
Dann passierte der erste Mord. Es war ein kleines Mädchen im Nachbarort, das von einer Kugel getroffen wurde. Er kannte es von früher, als es immer auf der Straße spielte. Wie es passierte, wusste keiner. Wahrscheinlich geschah es ohne Absicht, sondern nur, weil jemand seinen Hof verteidigen wollte, als das Mädchen näher kam. Der Unbekannte hielt sie wahrscheinlich für eine Fremde. Doch es entstanden Gerüchte. Einer der Nebelmenschen sollte der Mörder sein. Es war ein Fremder, der alle umbringen wollte. Keiner redete mehr mit niemanden. Jeder konnte fremd sein. Die Bewohner waren so vertieft in ihrem Hass, der Tag um Tag größer wurde, dass sie gar nicht merkten, dass der Nebel nicht mehr wegging. Je größer der Argwohn, je stummer die Menschen wurden, je gesichtsloser der Ausdruck, je dichter wurde der Nebel.
 
So erging es auch unserem armen Geschöpf. Nach einiger Zeit vergaß er seinen Namen. Er war so voller Hass auf die Menschheit, dass ihn nichts anderes mehr kümmerte. Er ließ seinen Bauernhof verfallen und aß nur noch rohes Fleisch. Ab und an auch mal Ungeziefer. Er musste fürchterlich aussehen, aber das war ihm egal. Das war die Zeit, wo es endgültig da war: Man konnte ihn nicht mehr als Mensch bezeichnen, er war nur noch ein verlorenes Wesen, weder Mensch noch Tier. Ein Wesen, von Hass und Misstrauen gekennzeichnet – „Es“.
 
Es hatte keine Ahnung, wie lange es so gelebt hatte, als der besondere Tag kam und der Himmel sich erneut regte. Es war seit ewiger Zeit Winter. Die Farbe war komplett aus seinem Leben verschwunden.
 
Als es in seiner Bauernhofruine hockt und unter einem Baumstamm nach verzehrbaren Ungeziefer suchte, hört es durch ein Loch in der Decke so etwas wie ein lautes Glockengeläut. Es läuft heraus und versucht zu erkennen, wo es herkommt und rennt heraus ins Freie. Es blickt auf seine Scheune und erstarrte Bäume in seinem Garten. Es spürt keine Kälte. Aber alles ist weiß, verreift und vereist, nichts wächst mehr. Ist es schon tot?
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Aber dann scheint ein diffuses Licht durch die weiße Nebeldecke und wird zu einem warmen leuchtenden Ball. Wie lange hatte es kein Licht mehr gesehen? Ein warmes, vertrautes Gefühl steigt in sein Herz auf und es bekommt ein tiefes, inneres Bedürfnis, auf das Licht zuzugehen. Dennoch wird es zurückgehalten. Denn die Angst steigt in der verwahllosten Hülle des Geschöpfs wieder auf. Das Licht macht unserem armen verwirrten Wesen plötzlich so viel Angst, dass es anfängt wegzurennen. Es rennt, wie es noch nie in seinem neuen Dasein gerannt war.
 
Plötzlich steht es auf einer Lichtung mit einem Baum, der nur noch wenige Äste hat. Ein abgebrochener Ast liegt am Boden, der leicht schneebedeckt ist. Kaum realisiert es, dass der Nebel verschwunden ist, hört es schon ein Knacken im Wald. Dort kommt jemand! Das Herz des Wesens, welches es seit gefühlten Jahrzehnten nicht mehr gespürt hat, klopft. Der gutaussehende Junge schleicht auf den Baum zu, hinter dem es sich schnell versteckt hatte. Immer näher die Schritte, bis sein Atem zu sehen ist. Vergessen das warme Gefühl. Die Pupillen weiten sich. Im Nacken sträuben sich die Haare. Es spürt seinen Hass auf Fremde aufsteigen. Das Misstrauen. Was ist, wenn er der Mörder ist? Dann schauen sie sich an
 
(…)
 

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