Ein Ort im kalten Nebel

Düsterland (8) „Nebelland“

Düsterland (8) „Nebelland“

Desmond schaudert. Sein Atem stockt. Das Blut gefriert ihm in den Adern, als er dem heruntergekommenen Wesen direkt in die Augen sieht. Er spürt, wie sein Körper vor Schock wie gelähmt erstarrt. Durch die glasigen Augen schreit ihm die Angst entgegen. Er spürt den Hass, die Verzweiflung, die Trauer, die dieses „Es“ durchgemacht haben musste. Und er weiß instinktiv, dass er in einer gefährlichen Lage ist – dieses Ding hat Böses im Sinn. Die rauhe, faltige Haut, der ungepflegte Bart, der wild im Gesicht sprießt, die Lumpen, die das Geschöpf trägt, die alten löchrigen Schuhe… Fast könnte Desmond ein wenig Mitleid bekommen. Die ersten Sekunden Ihrer Begegnung fühlen sich wie Stunden an. „Das Nebelland“, bricht es dann plötzlich aus ihm heraus. „Ich suche das Nebelland, kannst du mir helfen?“, hört er sich fragen und er ist selbst erstaunt über seinen Mut. Ein anderer Teil von ihm läuft gerade panisch weg und verschwindet im Wald.

Sein Gegenüber hatte wohl genausowenig damit gerechnet, dass es eine menschliche Stimme zu hören bekommt. Jedenfalls entkrampft sich die Haltung des Geschöpfs. Es steht da und starrt ihn an. Es scheint abzuwägen, ob es ihn direkt umbringen soll oder ob es sich noch etwas Zeit lässt. Dann nickt es, kehrt um und schlürft in gebückter Haltung in Richtung eines Weges, der am anderen Ende der Lichtung liegt. Nachdem es hundert Meter gelaufen war, blickt es zu Desmond, der immer noch wie angewurzelt steht. Dann bemerkt er, wie seine Beine beginnen, dem Wesen hinterherzulaufen, während sich sein Verstand noch dagegen sträubt. Was soll er tun? Das Wesen scheint ihm helfen zu können, das Rätsel auf dem Zettel, der seine einzige Verbindung zur Lösung seiner rätselhaften Situation scheint, zu lösen. Er würde aufmerksam sein müssen, dass er nicht in einen Hinterhalt gerät. Aber er beschließt, dem Wesen folgen.

Sie laufen für eine Weile und es wird dunkel. Nachdem vorher kurz die Sonne geschienen hatte, wird es jetzt wieder eisiger und der Nebel wird dichter. Immer wieder gehen sie durch dichtere Schlieren des unheimlichen Nebels. Er spürt die Kälte, die von ihm ausgeht. Seine Kehle schnürt sich zu und er fühlt sich beobachtet.
Er fragt sich, ob es eine gute Idee war, dem Ding zu folgen. Dann stehen sie auf einer Anhöhe und er blickt auf die Stadt. Sie macht ihm Angst. Lichter boren sich durch die Nebeldecke – aber es ist kein Mensch zu sehen. Trotzdem scheint der Ort bewohnt zu sein… Er spürt, dass seine Anwesenheit auch von anderen bemerkt wird.

Dann blickt er um sich. Sein Begleiter ist verschwunden. Die Lichter starren ihn an, hinter dem überwucherten Ortsschild von „Thann im Tal“. War es doch eine Falle, in die er getappt ist?

(…)

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