winter4

Düsterland (9) „Das Kind“

Die Gerüchte hielten sich. Als nach den großen Stürmen das Zeitalter des Nebels begann und Düsterland mehr und mehr in Dunkelheit und Trübheit gehüllt war, berichteten Reisende davon, wie Ihnen das Licht begegnet ist. Nach tagelangen Wanderungen im Nichts, in denen die Zweifel immer größer wurden, die Angst und der Argwohn wuchs, weil man nicht wusste, was hinter dem nächsten Baum auf einen wartete, holte sie das Licht zurück ins Leben. Und es waren genau diese Wanderer, die als Pilger durch die Dörfer gingen und die Welt vor dem Untergang bewarten. Sie alle glaubten daran, dass Düsterland gerettet werden wird – und dass es ihre Aufgabe war, das Gute im Menschen zu erhalten. In vielen Gesprächen mit den feindseligen Menschen schafften sie es tatsächlich, immer wieder Hoffnung zu sähen – auch wenn es immer schwieriger wurde. Denn der eisige und grausame Nebel griff um sich wie eine Wand des Vergessens, das Misstrauen und der Argwohn verdarb die Menscheit mehr und mehr.

Soraja blickt nach vorne. Ihre Augenringe verraten, dass sie lange nicht geschlafen hat. Sie sieht fürchterlich aus. Nach einer langen Reise ist sie im Nebelland angekommen. Nichts ist mehr von der einst so selbstbewussten jungen Frau übrig, die in Spanien als Promoterin dynamisch die Nächte durchgemacht hatte. Sie erkennt sich selbst nicht mehr. Von den Ereignissen gekennzeichnet vegetiert sie im Nichts vor sich her, sieht aus wie ein Zombie, entstellt von Ihrer Angst und Ihrem Argwohn, der sich in ihre Seele geschlichen hat. Das einzige, was ihr in der Dunkelheit immer noch den Weg weist – und das macht uns ein wenig Hoffnung – ist der Zettel, den sie damals am Strand in Ihrer Tasche gefunden hat. Der Zettel, der sie hierher geführt hatte. Der  Zettel, der ihren Weg bestimmt hatte. Der  Zettel, der sich mehr und mehr als Fluch ihres Schicksals zu erweisen schien.

Sie schließt die Augen und bemerkt, wie sich der letzte Rest Hoffnung von ihr stiehlt. Sie kann ihn in Gedanken fast materiell greifen. Wie eine Wolke steigt der Rest Menschlichkeit in Ihr auf und beginnt, sich in den Wäldern des Nebelwaldes zu verlieren – das Vergessen beginnt und es wird ihr fast eine Last genommen. Denn der Kampf des guten Gewissens ist nun verloren, das Schwarze breitet sich in Ihrer Seele aus. Sie spürt Erleichterung, als ihre Persönlichkeit sich entgültig verändert.

In diesem Moment greift jemand Ihre Hand. Sie erschrickt und all das Leid, aber auch die Lebenskraft kehrt zurück in Ihren Körper. Sie spürt den Schmerz, aber auch die Hoffnung, die zurückkehrt. Sie hätte nie gedacht, dass so etwas Gutes wie Hoffnung so weh tun kann. Denn das Böse kämpft dagegen an und das kostet ihre ganze Kraft. Sie spürt eine Hand – eine kleine Hand. „Schau!“, hört sie die Kinderstimme des kleinen Mädchens sagen – und sie öffnet Ihre Augen wieder. Ihr Atem stockt. Das Herz beginnt zu rasen. Sie ist überwältigt von der Schönheit, die nun in sie strömt. Tränen laufen über Ihre Wangen, als sie in die Lichtstrahlen schaut. Sie ist am Ziel angekommen und lässt den Zettel fallen, dessen letzte Buchstaben sich in den Schnee graben. „…das Kind…“ kann man noch lesen, als der Zettel hochgehoben wird.

(…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*