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Düsterland (10) „Tage des Donners“

Es kam plötzlich und unerwartet. Wie aus heiterem Himmel brach Blitz und Donner über sein Leben herein. Vorher war die Welt um ihn herum einfach perfekt. Alles passte. Seine Arbeit erfüllte ihn mit Freude. Alles lief auf das richtige Ziel hinaus.

Sören war Steinmetz und selbständig. Er hatte eines der größten Unternehmen in der Region. Er kannte die besten Basaltsäulen am Gangolfsberg. Aber Sören war kein „normaler“ Steinmetz. Er entwarf Grabsteine, die zum Denken anregten. Die die Emotionen der Menschen erreichten. Die die Erinnerungen an die Verstorbenen lebendig machten.

Er baute Skulpturen, die so anders waren, dass die Friedhöfe der Region auch von Spaziergängern und Touristen besucht wurden. Die Grabsteine hatten keine bloßen Daten und eine weitere symbolische Gravur – sie erzählten vom Leben der Verstorbenen. Das war neu und die Geschichten faszinierten die Menschen. Manche Grabsteine waren so bunt wie ein Comic – aber immer würdevoll und den Lebenssituationen der verstorbenen Menschen entsprechend. Sie erzählten deren Leben weiter. Und die Gäste und Besucher taten das auch. Die Geschichten der Menschen wurden an Bekannte, Familie und Freunde weitergetragen. Und die Erinnerungen machte sie in den Kulturen der Menschen lebendig, ja unsterblich.

Dies geschah in der sonnigen Zeit, bevor Düsterland entstand. Doch dann wurde es langsam schwüler, die Luft wurde drückender. Es gab immer noch tolle, sonnige Momente, aber etwas stimmte nicht.

Manchen Menschen passte es nicht, dass Sören den Friedhof veränderte. Es sollte ein Ort der Trauer bleiben. Das Neue machte ihnen Angst. Der Widerstand wuchs. Die Menschen, begannen, gegen Sören zu arbeiten. Sie verwiesen auf die Regeln, die auf dem Friedhof gelten und versuchten ihm, mit Gerichtsverhandlungen über bürokratische Normen das Leben schwer zu machen. Eines seiner Kunstwerke musste zum Beispiel der Din Norm 1055-4 entsprechen, was es zwar tat, was aber angezweifelt wurde. „Wo kein Kläger, da kein Richter“ – aber: „wo ein Kläger, da ein Gericht“. Und Gerichtsverhandlungen kosten Zeit. Monatelang war Sören wegen Din Norm 1055-4, die die Windanfälligkeit von Grabsteinen angibt, vor Gericht – und die Kunden hatten deswegen eine leere Grabfläche. Er hatte viel Organisationsaufwand, weswegen er andere Kunden nicht mehr beliefern konnte. Letzten Endes hatten sich dann viele Menschen für einen anderen Anbieter entschieden. Nur einige hielten noch zu ihm. Er konnte sich zwar letztlich immer wieder durchsetzen, aber das Rauschen blieb und wurde sukzessive stärker. Die Menschen, die gegen ihn waren, hassten ihn regelrecht und schauten nicht auf das Gute, was er versuchte, mit seiner Arbeit zu erreichen. Unter ihnen waren auch zwei Konkurrenten, die durch seine Arbeit in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren, weil sie keine Aufträge mehr kriegten. Sie sahen ihn als Narzissten, der seine Kunstwerke über das Leben der Verstorbenen stellte, dabei wollte er nur helfen, die Erinnerung an die Verstorbenen fesztzuhalten.

Dann zogen die Wolken auf. Der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr. Die Sonne verschwand. Die Luft wurde drückend schwül.

Die Missgunst und das Zweifeln erreichte auch seine engsten Vertrauten und die Menschen begannen, über ihn zu tuscheln. Er wurde selbst unsicher und misstrauisch, war auch mal gereizt und unwirsch, was wiederum andere Freunde verunsicherte. Vielleicht war an den Gerüchten ja doch etwas dran? Vielleicht war er ja wirklich der egozentrische Narzisst? Die Einsamkeit um ihn herum wurde größer.
Er zog sich mehr und mehr zurück. Wurde einsam und traurig. Was blieb, war sein Wille, Gutes zu tun. Dieser war nicht zu brechen.

Dann kommt das große Gewitter. Es beginnt zu Hageln. Der komplete Horizont ist in Wolken gehüllt, es ist dunkel. Am Ende seines Weges ist ein Licht. Aber er weiß nicht mehr, ob er es erreichen möchte. Ist es das Licht am Ende des Tunnels? Oder ein Zug, der ihn überfahren wird? Blitze zucken über den Himmel. Es donnert. Die Situation ist unwirklich. Fette Hagelkörner fallen vom Himmel.  Er steht wie versteinert und schaut auf seinen Weg.  Weil er nicht mehr pünktlich zahlen kann, wenden sich die eigenen Mitarbeiter und Geschäftspartner gegen Sören. Er bekommt einen Brief, der ihm die Lizens für die Friedhöfe der Region teilweise entzieht. Er darf nur noch Steine schlagen, wenn die Entwürfe vorher vom Amt geprüft werden. Sie dürfen keine Geschichten mehr enthalten – oder nur noch solche, die Din-Normen entsprechen. Er fühlt sich gefangen, seiner Kreativität wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Aber eines weiß er: an jedem Morgen wird er aufstehen und weitermachen.

Am nächsten Morgen steht er auf und schaut aus dem Fenster.  Er sieht nichts. Alles ist voller Nebel.  Er fühlt die Kälte von draußen, er spürt, wie die Gleichgültigkeit, das Misstrauen und der Hass ihn erreichen wollen, aber etwas in ihm scheint immun dagegen. Vielleicht sind es die Erinnerungen an seine vielen Kunstwerke. Vielleicht sind es die vielen Geschichten, die er erzählt hat, die vielen Verstorbenen, die ihn jetzt begleiten. Er zieht sich an, isst etwas und macht sich bereit für die Arbeit. Er geht in den Flur, öffnet die Haustüre und setzt seinen ersten Schritt vor die Tür. Und er hat noch keine Ahnung, welcher Schrecken dieser Tag für ihn bereithält.

(…)

Das Bild kennt ihr sicher, ich hatte schon länger vor, es im Düsterland-Roman zu verankern. Nun habe ich es entschlüsselt 😉 Die Geschichte von Sören erzählt erstmals von der Zeit vor den großen Gewittern, von der Zeit vor dem Nebel. Sie ist also zeitlich vor Desmond und Soraja einzuordnen. Ob Sören Desmond und Soraja noch begegnen wird und ob er einer der „8“ ist, konnte ich noch nicht herausfinden. Aber ich halte euch auf dem Laufenden.

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